DER EINSTIEG IN DAS LEICA M SYSTEM

TEIL 1: DAS FOKUSSYSTEM

von Mehrdad Samak-Abedi

„Mit einer Kamera aus dem Leica M-System erleben Sie eine andere Art der Fotografie.“

Das ist das Versprechen, welches Leica Interessierten auf ihrer Webseite gibt. Weiter heißt es:

Alles in allem gibt das M-System dem Fotografen die Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – seine Aufnahmen.

Das liest sich alles sehr schön und ich gebe zu, dass mich solche Gedanken auch getrieben hatten, als ich mich für das digitale Leica M-System zu interessieren begann. Ich finde auch, dass Leica hier zwar mit typischen Werbesprüchen daherkommt, allerdings sind diese sehr zutreffend gewählt und damit eben keine leeren Werbeversprechen.

Allerdings war mir am Anfang nicht wirklich klar, was das in der Praxis für mich genau bedeuten würde. Wer in das digitale M-System einsteigt und vermutlich vorher ein anderes digitales System besaß, muss sich in einigen Punkten teilweise drastisch umstellen. Im groben wird man sicher auch schon so Dinge wissen, wie zum Beispiel, dass es keinen Autofokus gibt und ähnliches. Spätestens aber, wenn man dann anfängt, wirklich mal mit so einer digitalen M zu fotografieren, wird einem schnell klar, dass es da doch einige Dinge gibt, die man so vielleicht nicht erwartet hat.

Leica M digital + Analog M7 + MP

Der erste Teil der Reihe soll sich mit dem Fokussystem beschäftigen. Ich konzentriere mich in allen Teilen auf das digitale M-System. Vieles kann man natürlich auch auf das analoge System überleiten, weil sich die Kernkomponenten im Grunde seit den 50er Jahren nicht wesentlich verändert haben, jedoch ist der Unterschied im digitalen zu den anderen digitalen Systemen eben zum Teil deutlich anders.

Diese Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit FOTO-GÖRLITZ. Alexander Görlitz unterstützt uns indem er uns bestimmte Produkte aus dem Leica Sortiment für diese Reihe zur Verfügung stellt. Danke an FOTO-GÖRLITZ für die Unterstützung.

Ich will mit dieser Reihe auf unserem Blog und auf  YouTube meine Erfahrungen mit dem M-System mit Euch teilen, und richte mich dabei vor allem an die Interessierten, also diejenigen von Euch, die noch nicht mit einer digitalen M fotografiert haben, eventuell aber mit dem Gedanken spielen einzusteigen oder zumindest neugierig sind, was denn nun so anders an einer Leica M ist.

Ich erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist vielmehr ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht. Dabei greife ich die Punkte auf, die mir Anfangsschwierigkeiten bereitet haben oder bei denen ich mir am Anfang gewünscht hätte, vorher mehr davon zu wissen.

Auch wenn ich mich vor allem an die Einsteiger richte, so möchte ich besonders die erfahrenen Nutzer des M-Systems einladen, unten in den Kommentaren dieses Blogbeitrags oder aber auch auf YouTube persönliche Tipps, Tricks und Erfahrungen mit unserer Community zu teilen. Vielen Dank dafür!

Leica M10-P + M 50mm 1.4

DAS FOKUSSYSTEM DER LEICA M

Das wichtigste zuerst, auch wenn ich sicher bin, dass dies jedem, der bis hierher gekommen ist, eh klar ist: Es gibt keinen Autofokus an der Leica M. Es ist auch nicht möglich, diesen irgendwie nachzurüsten oder durch Dritthersteller irgendwelcher motorisierter Adapter mit einer Leica M zu nutzen.

Die  Techart Adapter ermöglichen dagegen schon, dass man ein manuelles Leica M Glas an einer Sony mit AF nutzt. Aber dies ist ein anderes Thema. Ich hatte neulich mal dazu was auf unserem YouTube Kanal gebracht. Schaut mal hier.

Es findet keine elektronische Kommunikation zwischen der Kamera und dem Objektiv statt. Dies schließt alle Leica M Kameras ein. Von der M3 bis zur M10. Bei den digitalen ist nur eine „lesenden Schnittstelle“ (Weiß nicht, wie ich das anders nennen soll.) kameraseitig hinzugekommen, welche sogenannte kodierte Objektive erkennen kann. Zu den Objektiven komme ich noch in einem anderen Teil, deshalb hier nur in Kürze. Die Kamerasoftware nutzt diese Daten, um den  Objektivtyp in die Exifs zu schreiben und Korrekturen, wie z.B. Vignette usw. zu korrigieren.

Was macht die Leica M aber neben diesem Umstand so besonders?

Das M steht für Messsucher, welches das Herzstück des Systems darstellt, würde ich behaupten wollen. Ich bin kein Fachmann in dieser optischen Feinmechanik, deshalb zitiere ich im folgenden von der Seite olypedia.de. Es ist wichtig, kurz darüber zu sprechen, weil mit dieser Konstruktion einige Vor-, aber eben auch Nachteile bzw. Einschränkungen einhergehen. Ich denke, diese sollte man sich unbedingt vorher klarmachen, bevor man zum Teil mehrere Tausend Euro in die Hand nimmt.

Das Prinzip des Messsuchers ist unserem menschlichen Sehen/Fokussieren sehr ähnlich. „Wie der Messsucher auch, nehmen wir mit jedem Auge ein Einzelbild von einem Gegenstand wahr. Um es zu fokussieren, drehen wir die Augen aus der Parallel-Lage. Aus dem dadurch entstehenden Winkel stellen wir – durch Erfahrung gelernt – die ungefähre Entfernung fest.

Der optische Entfernungsmesser funktioniert nach dem selben Prinzip, „vereint“ aber die beiden Teilbilder durch eine partielle Überlagerung (Bildüberlagerung) über Prismen im Sucher. Bei der Fokussierung wird der – erste Prisma „gedreht“, dann sind die Bilder exakt deckungsgleich, so ist korrekt fokussiert.“

(Quelle: https://olypedia.de/index.php?title=Entfernungsmesser)

Das Prinzip oben gilt allgemein für die Funktionsweise von Messsucherkameras.

Dreht man also am Fokusring des Objektivs, so bewegt man gleichzeitig einen Tubus im Objektiv, welcher wiederum den Abnehmer bewegt, der sich oben im Bajonette der Kamera befindet. Dies bewirkt eine Verschiebung der Prismen im Messsucher, und man sieht durch den Sucher das sich bewegende „Patch“. Hat man das bewegliche Patch mit dem festen in der Mitte des Suchers zur Deckung gebracht, weiß man, dass man den Fokus korrekt eingestellt hat.

Das hört sich kompliziert an, ist es theoretisch nicht, praktisch muss dieses System aber so exakt abgestimmt sein, dass es in der technischen Umsetzung sehr aufwendig ist und vermutlich einen nicht geringen Anteil daran hat, dass dieses System so teuer ist. Das gesamte System muss perfekt aufeinander abgestimmt sein, damit man auch bei lichtstarken Objektiven die Schärfe genau dort hat, wo man sie eben als Fotograf haben will. Da es sich um mechanische Teile handelt muss einem klar sein, dass man hier auch von Zeit zu Zeit nachjustieren (lassen) muss. Die Kamera, am besten inklusive der Objektive, muss von Zeit zu Zeit in den Service.

Der manuelle Fokus wirkt anfangs auf viele vielleicht abschreckend. Ich kann das durchaus verstehen. Es ist natürlich schon sehr bequem und, man könnte meinen, auch schneller. In sehr vielen Fällen stimmt das natürlich auch, aber eben längst nicht in allen.

Fotografiert wird schon seit dem 19 Jahrhundert. Seit dem 20 Jahrhundert auch in dem uns bekannten Kleinbildformat, heute „Vollformat“ genannt. Der Autofokus setze sich erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch. Viele großartige Fotografien sind mit manuellem Fokus entstanden.

Das M-System gibt einem aber auch einige Hilfen, damit man schneller Fokussieren kann. Auf der einen Seite ist da ganz allgemein die Tiefenschärfeskala, welche sich auf allen (V/Z)M-Gläsern bzw. allgemein auf Objektiven für das analoge System befindet. Wenn man also nicht gerade mit dem 50mm Noctilux 0.95 bei Offenblende fotografieren will, kann man abgeblendet sehr gut Entfernungen schätzen und somit sehr schnell sein Objekt scharfstellen. Dies funktioniert natürlich mit Weitwinkelobjektiven deutlich besser, also mit Normal- bis Teleobjektiven.

Der Messsucher selber bietet aber auch eine kleine Hilfestellung. Je nachdem, wie weit das Objekt, welches im Fokus sein soll, entfernt ist, gibt der Messsucher einen Hinweis darauf, in welche Richtung man das Fokusrad drehen muss. Befindet sich das Objekt links vom unbeweglichen Patch, muss man das Fokusrad im Uhrzeigersinn drehen. Das Objekt ist also näher als der eingestellte Fokus. Und ist das Objekt rechts vom unbeweglichen Patch, muss man das Fokusrad gegen den Uhrzeigersinn drehen. Das Objekt ist also weiter entfernt als der eingestellte Fokus.

VORTEILE DES MESSSUCHERS

Die Vorteile eines Messsuchers liegen auf der Hand:

  • Er ist immer gleich hell und somit nicht beschränkt auf die Lichtstärke des Objektivs. Auch bei schlechten Lichtverhältnissen ist ein Fokussieren so gut möglich.
  • Ein korrekt eingestellter Messsucher in Abstimmung zum Objektiv ermöglicht ein sehr akkurates Fokussieren. Dies ist auch abhängig von der Suchervergrößerung. Ein 1:1 Sucher ist vor allem für Objektive ab 50mm bis ca. 90mm sehr gut geeignet, der Sucher der M10 (0,72) ist gut für 28-50mm Objektive.
  • Ein größerer Bildausschnitt als das Objektiv ist sichtbar. Gerade für Streetfotografen ist so mitunter ein besseres Timing möglich.

NACHTEILE DES MESSSUCHERS

Aber der Messsucher hat natürlich auch ein paar Nachteile, derer man sich klar sein muss.

  • Die Naheinstellgrenze liegt bei 70cm. Zugegeben, mein größter Kritikpunkt, aber systemseitig (derzeit?) nicht anders möglich.
  • Je nachdem, wie groß/lang das Objektiv ist, ragt es auch schon mal ordentlich in das Sucherfeld rein. In der Regel: Je weitwinkliger, desto kritischer kann das sein.
  • Ein „what you see is what you get“ ist nicht möglich, da Belichtungsparameter nicht simuliert werden. Auch keine Schärfentiefe-Darstellung.
  • Auch wenn der eingeblendete Sucherrahmen bei der M10 schon sehr akkurat ist, ein 100%iges Komponieren ist nicht ohne weiteres gegeben. Es ist immer ein wenig „pi mal Daumen“  – Alternative ist dann natürlich immer noch das Display, aber wer will schon so mit einer M fotografieren? 😉

Ich habe versprochen, dass ich hier keine Lobhudelei vom Stapel lasse und Euch mit Leica-Look und so was komme. Nein! Der Messsucher ist im Grunde eine veraltete Technik. Man muss auf viele Automatiken verzichten. Im zweiten Teil, der sich mit dem Sucher hinsichtlich Informationen etc. unter anderem Beschäftigen wird, wird es noch deutlicher, dass der fehlende Autofokus nicht das einzige ist, was der ein oder andere vermissen könnte.

Und dennoch bleibe ich dabei, dass das Fotografieren mit der Leica M nicht nur sehr viel Spass macht, sondern man im Grunde auch alles nötige an Bord hat, um genau die gleichen Bilder wie mit jeder anderen super modernen Kamera machen zu können. Wenn man sich mit dem System erst einmal angefreundet hat, sind sogar noch mal andere Bilder möglich, welche man mit einer modernen Autofokuskamera aus Macht der Gewohnheit vielleicht nicht machen würde, obgleich natürlich sehr wohl trotzdem könnte.

Mich persönlich inspiriert das Leica M-System sehr oft. Öfters, als es mich auch mal fluchend zurück lässt. 😉 Und dies ist in meinen Augen eine sehr besondere Qualität, die das Leica M-System einem Fotografierenden bieten kann.